Freitag, 11. August 2017

Erziehung zur Mündigkeit

Der Sommer plätschert weiter vor dem Fenster auf die Straße
Ich sitze viel an meinem Schreibtisch und starre in die Wolken
Es ist so schmerzlich, nicht zu wissen, wo es hingeht.

Freitag, 4. August 2017

Erwachsen Sein III

Im Müllbeutel im Badezimmer hängen halb-gegess'ne Pizzaränder –
wohl vergang'ne Nacht im Vollsuff durch die Wohnung wandelnd,
aus dem Karton geklaute Reste gegessen.
Mein fauler arbeitsloser Arsch wünscht dann heute Mittag, stark verkatert,
stark verwirrt, schwankend an der Ladentheke stehend, der Kassiererin
einen schönen Tag, statt Wochenende –
weil vergessen, dass heut' Freitag ist; was Zeit an sich bedeutet.
Abends dann, die Rollläden geschlossen, in der Wohnung eingebunkert:
Säuerlicher Billigwein und dicke dichte Nebelschwaden,
während hektisch lauter Techno läuft und ich versuche mich zu zwingen,
irgendwie fünfundzwanzig Seiten über die
Chancen und Risiken der Hobbes'schen Anthropologie
geschrieben zu bekommen:
,,Das echte Leben halt, von dem die Kindheit wie ein Kino-Trailer ist,
der nicht hält, was er verspricht.''

Dienstag, 1. August 2017

Herr und Knecht I

Stark verkatert, stark verklebt, schlagen zaghaft sich zwei Augen auf,
starren stumpf die Decke an –
werden unvermittelt, unbarmherzig, vom kalten Grau der Wände zugeschlagen –
wünschen, trüb und müde sich, diesen Kampf ganz einfach aufzugeben –
schaffen's doch nicht, schaffen's nie – verdreh'n sich zitternd, ganz in Weiß.

Der bleiche, dürre Körper hieft wacklig sich auf Beine,
wankt schwankend durch die Wohnung, kocht mechanisch Tee;
hasserfüllter Blick im Spiegel, Magensäure in der Kehle;
Kopfschmerz bohrt durch Nervenenden, strahlt die Wirbelsäule lang;
beim Hoseanziehen dann fluchend auf den Boden fallen:
Guten Morgen Bonn!

Freitag, 14. Juli 2017

M. B.

Meine kleine verwirrte Najade zieht mich zu sich in ihren Teich hinab –
mit ihrem traurigsüßen Blick und diesem schmerzhaft schönen Lächeln;
der viel zu großen Nachsicht für allen meinen Schwachsinn.

Mache ich auch sonst ein riesiges Theater um meine hochgelobte Einsamkeit,
bin ich plötzlich wie entwaffnet; aus Versehen butterweich –
Selbstschutzmechanismen räuspern sich nervös im Hintergrund.

Bin mittlerweile ehrlich dankbar für die Bücher, für den Tee, und meinen Holzschreibtisch;
für Gustav Mahler, meine Räucherstäbchen und das Bier –
und dieses eine Mädchen, dessen Wohlergehen mir derzeit scheinbar nicht egal sein kann.

Sechstes Semester

Die Eule der Minerva wird ungeduldig mit den Jahreszeiten, scharrt hektisch mit den Krallen;
kündigt das Ende eines Lebensabschnitts an.
Und bevor sie ihren Flug beginnt, versuche ich, so gut es geht, die Stadt, in der ich bin,
zu katalogisieren, in Gänze zu verstehn;
die neu gefund'nen Freunde – trotz immergleicher Axt im Kopf – als solche wertzuschätzen.
Ehe jeder seiner Wege geht, wir alle ganz erwachsen sind.

Mittwoch, 12. Juli 2017

Schon wieder mit Fahne in der Universitäts- und Landesbibliothek

Alles in die Ledertasche eingepackt
In der Bahn dann doch gemerkt – unbedacht den Stift vergessen
Du dummer, nutzloser Idiot
(Und plötzlich ist da wieder dieser riesen Schmerz)
Kein Stück Selbstwert in der Seele – Hauptsache das Jackett sitzt gut.

Aufgrund versehentlicher Nüchternheit zeigt sich mein Leben mir in Gänze
Als nicht zu füllendes Gefäß
Beziehungsweise fällt mir halt nichts ein – außer vielleicht Bier
Darum dann Richtung Stadt

Hacke hektisch Texte in mein Handy, in der beinahe leeren Straßenbahn
Sitze trinkend auf der Parkbank rum, gaffe hübschen Teeniegören hinterher.

Ein schwüler, regnerischer Sommer – Bonn versinkt im Grau
Ich dagegen in der Frage:
Verläuft das Leben auf ein Telos, oder doch nicht eher arbiträr?
Heute dann wohl letzteres, in mich läuft nur das Bier.

Schreibe erst mit einem neu gekauften Rewe-Bleistift in meinen überquellenden Kalender
Dann in der blöden ULB, an einem der PCs
Und irgendwie drängt sich die Frage auf
Was zur Hölle machst du hier?

Donnerstag, 6. Juli 2017

Trying to remember - trying to forget II

Jetzt sitz' ich musterschülerhaft, gelangweilt und stocknüchtern in dieser riesen Altbauwohnung, an deren Wänden schöne Bilder hängen, und fühl' mich irgendwie erwachsen; bin aus dem endlos langen Jugendalbtraum wohl, wie es scheint, vorerst halbwegs heil herausgewachsen.
  Trotzdem kreist das Denken noch manchmal um die Ex, manchmal um das Pep – beides mir mittlerweile gleichermaßen fremd – wie aus einer andern, wirren Welt – wie nicht von mir erlebt.
  Und wenn die Sommersonne hoch am Himmel steht, ich nichts böses ahnend so mein Leben lebe, blitzt beizeiten unwillkürlich auf, dass das alles doch einst Ich gewesen bin: Kollabierend unter Brücken hängend, sich selbst im Spiegel nicht erkennend, alles voll von Blut.
  Heute kann ich ehrlich lachen, sodass die Falten im Gesicht sich freundlich kräuseln – ganz einfach weil ich weiß, das alles musste halt so sein, hatte alles seine Richtigkeit; macht letztlich meine Freiheit, und ja, auch meinen Frieden aus.
  Auch wenn viel zu viele Jungs von früher mit den Jahren was auch immer wurden – hoffnungslose Kinder uns'res kleinen Heimatdorfs, wo man mit vierzehn Jahren schon am absoluten Nichts zerbricht; sich irgendwie Sinn suchend in der Großstadtnacht verliert; oder schwarzäugig auf der immergleichen Parkbank sitzend, durch die dicken Sonnenbrillengläser in Richtung Sonnenaufgang starrt, während der pubertäre Sound aus Deutschrap über Handyboxen und laut zischendem Billigdosenbier kurz – viel zu kurz – auf jede Frage eine Antwort weiß.
  Trotz allem bin ich dankbar für die Zeit: nichts war mir je und wird mir je so wichtig sein. Auch wenn wir, wenn wir uns morgens in der Disco seh'n, uns beinah' auf die Fresse hau'n – ganz einfach weil diese Art zu leben ganz selten nur ein gutes Ende nimmt.
   Und während die Stadt vor dem Fenster in der Dunkelheit wie eingefroren scheint, kritzel ich eilig ein paar Zeilen aufs Papier – versuche mich, so gut es geht, an alles zu erinnern; will nichts von alledem vergessen – will, so gut es geht, das Sein an sich zu schätzen wissen.

Sonntag, 18. Juni 2017

Der Status Quo der Jugend: Ein kleines Vorsommer-Drama

Neulich, durch unbarmherzigen Frühlingsregen einen ganzen Nachmittag im Uni-Innenhof gefangen, aus Langeweile Kette rauchend, kam das Gespräch – wie auch immer – auf das, was jungen Menschen wichtig sei: Deren Werte und Ziele.
  Und es fällt mir derzeit (oder schon immer) unangenehm schwer von mir selbst abzusehen. So gerne ich auch einfach über’s große Ganze schriebe – die wirklich wichtigen Dinge, die hier und dort am walten sind – dreht sich der Blick ja doch nur wieder nach innen – formen die paar Worte, die nach so langer Zeit des Schweigens sprudelnd aus mir herausschwappen, doch nur wieder diesen einen Satz: Es fällt mir unangenehm schwer von mir selbst abzusehen.
  Trotzdem zwinge ich mich den Gedanken fortzuführen: Die Werte und Ziele der Jugend.
  Was mich als erstes überkommt ist ein untragbares Gefühl von Mutlosigkeit: Niemand traut sich mehr er selbst zu sein – es ist verpönt ein Ich zu sein. Familien mittlerweile völlig obsolet: Der Vater eine Witzfigur, die Mutter hinter einer Wand aus weingetränktem Selbstmitleid. Beide vor dem Fernseher, halb hinhörend, schräg wegguckend, das Kind ermahnend, bloß den geraden Weg zu geh'n – ,, Und warum genau? – Keine Ahnung.’’
  Und niemandem kann man einen Vorwurf machen: Der junge motivierte Lehrer spricht von Goethe und von Hitler – streift dabei nicht mal im Ansatz die Schönheit der Sprache; die Leiden von Auschwitz. Streift noch viel weniger den Versuch, jungen Menschen beizubringen, sich selbst als Ich in dieser wirren Welt zu sehen. Streift höchstens mal den Brustansatz der traurig austauschbaren kleinen Model-Imitate, während Heidi Klum ungestraft (!) per Volksempfänger propagiert: du musst bloß genug Kotzen; bloß für jeden Dreck zu haben sein – und schon bist du berühmt. Auf derweil völlig-entfesselt-bunt-blinkenden Social-Media-Kanälen entblößen unbeholfen, volltätowierte, ewige Kinder, mit aufgespritzten Lippen, ihre kleinen bleichen Körper für ein paar digitale Daumen: Die Trias des Alles-Könnens, Garnichts-Müssens und Absolut-Beliebig-Seins.
  Als zweiter Begriff bedrückt mich der vom Kollektiv oktroyierte Zwang zur Selbstverleugnung: Hat man diese erste Phase per se nicht ernstzunehmender Eltern, seltsam blassen Lehrern und medial vermittelter Totalpsychose irgends überstanden, wird als vermeintlich mündiges Wesen in diese Gesellschaft angeblich Freier und Gleicher entlassen, stellt sich nun so endgültig wie dringlich die Frage: Was tun mit sich? Zaghafte Möglichkeiten ungekannter Selbstwirksamkeit täten sich auf, kurz nach dem ersten Abebben des traumaartigen Schocks tatsächlicher Möglichkeit wirklicher Freiheit. Stattdessen: Australien oder Neuseeland? Thailand oder Laos? Ketchup oder Mayo? Es ist so schmerzhaft irrelevant. Kein von Papa gesponserter Backpack-Trip der Welt kann eine bis zur Unkenntlichkeit deformierte Seele zurück in etwas Gutes wandeln.
  An dieser Stelle der platte Verweis, die alte Floskel vom Fluch der Unversehrtheit: Wer den Bruch längst in sich trägt, der braucht ihn nicht zu konstruieren. Ein noch so vorahnungshaftes Bewusstsein der Widersprüche dieser Welt, der Widersprüche seiner Selbst, garantiert wohl mehr oder minder den sicherst-möglichen Schutz davor, als 500.000-Follower-Instagram-Account zu enden: Vor einem balinesischen Wasserfall auf einer Felsenklippe stehend; einen großen weißen Schlapphut, dazu ein keck den anorektisch-mädchenhaften Rücken umspielendes Kleid, ebenfalls in weiß, tragend. (Und damit unfreiwillig komisch jeden noch so arischen Übermensch*innen Traum in den Schatten stellend.) Das entweder clownesk oder aus vermeintlich feministischen Motiven gar nicht erst geschminkte Allerweltsgesicht – das zurückgebliebene kleine Mädchen kreischend beneiden, und auf das Jungs allen Alters hektisch onanieren – gekonnt-gespielt in Richtung Horizont und Sonnenuntergang gedreht; mit dickem grünen Strohhalm aus einer Bio-Kokosnuss schlürfend, während die trotz tropischem Klima perfekt geglätteten, endlos-langen deutsch-deutsch blonden Haare, wie in Zeitlupe eingefroren, im lauen Sommerwind daherwehen. Dazu als Bildtitel ein unerträglich geistloser Schwachsinn wie ,,don’t worry, be happy’’ oder ,,just be yourself’’ (,,just kill yourself’’ – auf jeden Fall irgendetwas mit ,,be’’ und absurden Versprechungen oder Forderungen an die armen Unterdrückten im Titel) und zehn Millionen Kommentare, der schönste Mensch der Welt zu sein.
  Der schönste Mensch der Welt: Ein mutloses, unmündiges, sich auf seiner scheitern müssen- und sollenden Selbstsuche unbeholfen selbst verleugnendes ewig-kindliches Wesen, von stumpfer, kalter Tragik, das das genauso unausweichliche wie nicht mehr allzu ferne Ende der Menschheit schon ganz in sich enthält.

Mittwoch, 14. Juni 2017

Kurze Vorrede

Man wird so seltsam sprachlos, wenn man nichts mehr hat, an dem man sich abarbeiten kann. Flüchtet sich in die Probleme der andern, die einem, streng genommen, ganz egal sein könnten. Der sich sonst selbst zersetzende Geist befällt begierig sämtlich Vorgesetztes – Negativität weiterhin der Motor jeden Fortschritts.
Seit drei Monaten keinen Stromanbieter und nicht im dystopisch das Stadtzentrum verdunkelnden Stadthaus umgemeldet. Im Briefkasten gelegentlich gelbe Briefe mit wirren bösen Worten. Irgendetwas von bis zu zehntausend Euro Strafe. Manchmal bizarre Paranoia, für meine faule Traurigkeit bei Wasser und Brot im Kerker zu landen. Und trotz allem ergibt all das einen eher dürftigen Plot für ein noch so kleines Vorsommer-Drama.

Mittwoch, 7. Juni 2017

,,Alles gut bei mir, ich leb' meinen Jugendtraum''

Im Vollmond den Baum ankotzen hat ja auch irgendwie was Magisches
Jetzt mit zweiundzwanzig wirkt alles seltsam ruhig, wie in Zuckerwatte eingepackt –
Die Straßen Bonns wie schlecht gemachte Filmkulissen, mein Spiegelbild verzerrt.

Dienstag, 6. Juni 2017

The Past will catch you up as you run faster

Ich fühl' mich mittlerweile manchmal seltsam kompetent als Mensch, wenn ich mit schwarzem Hemd in schwarzer Hose in irgendwelchen Seminarräumen – die alle immer gleich ausseh'n – jungen Menschen Medienkompetenz vermittle und dafür auch noch Kohle kriege; auf irgendwelchen kleinen Bühnen stehend mit ruhiger Stimme Texte lese.
Nicht dass ich irgendwie ein echtes Ich-Gefühl entwickelt hätte, doch wenn ich manchmal wieder in der grellen Mittagshitze auf dem abgekauten Zahnfleisch Richtung Heimat krieche, drei Tage regungslos im vollgeschwitzen Bett rumliege – die Gedanken voll von Blut und Kotze – dann fällt mir auf, wie seltsam fremd mir diese Welt geworden ist, wie wenig Ich für mich in ihr verborgen liegt.
Schreiben ergibt derzeit kaum noch Sinn, so traurig das auch klingt. Aber es geht halt einfach gerade weiter. Mein hochhaushohes Glaskristallego schiebt mich unbarmherzig vor sich her, ruht dabei dennoch als Koloss im Zentrum meiner Welt. Lächelt manchmal traurig hübsche Mädchen an – und liebt am Ende nur sich selbst.

Samstag, 27. Mai 2017

Happy Birthday to Myself

Und ich bin mittlerweile gar nicht mal mehr wirklich einsam. Liege, trotz aller guten Vorsätze, morgens früh in meinem Bett herum. Zigarettenrauch durchzieht die Wohnung. Golden leuchtet die Ikea-Lampe. Die Sicht verschwommen, beide Rollläden ganz unten. Und manchmal guck' ich doch noch hektisch auf mein Handy, in der wirren Hoffnung, dass sich jemand bei mir meldet. Mir betrunken – oder was auch immer – suggeriert, man sei niemals wirklich ganz allein.
Meine Selbstgenügsamkeit bäumt sich auf und geht entzwei. Vorhin, durch die Innenstadt wankend, erhob sich stumm das halb zerfall'ne Bahnhofsgebäude vor dem grellen Sichelmond. Und Du hast Dich über mich gewundert, weil ich meinte, ich hätte einfach diese rauschhaft-schöne Sicht auf alle Dinge und auf alle Menschen; die mich, wenn ich ehrlich bin, wohl meist vor schlimmerem bewahrt.
Und ich spreche trotzdem mittlerweile mehr darüber, wie ich fühle, was ich für wirre Dinge denke.
So absurd versunken in mir selbst, unangreifbar, ganz allein. Und es ist so unerträglich dumm, doch im Nachhinein tut es mir leid, Dich nicht genug geliebt zu haben.
Ein paar Vögel zwitschern leise, die Stadt wacht langsam auf. In der Wohnung über mir stampft jemand rum. Das Laptop-Display blendet. Ich muss mich selbst zum Schreiben zwingen.
Meine Kälte artet aus – manchmal hab' ich Angst vor mir.

Dienstag, 16. Mai 2017

Vorsommer X

Ich war vor zehn Minuten schon verabredet – brauche fünfundvierzig zum Michfertigmachen;
der Besitzer des hässlich-gelben Wagens fährt ihn endlich weg – mein Kopfschmerz atmet stöhnend auf;
genug geschrieben, Schluss jetzt hier: trotz Panik vor die Tür, sonst sitz' ich noch im Sommer hier.

Vorsommer IX (Bremsschwelle)

Völlig übercoffeiniert rutsch' ich hektisch auf dem Stuhl herum, beiß' mir dabei meine Lippen auf;
hacke wütend Texte in den Rechner, dessen Bildschirm stöhnend blinkt;
springe manchmal, stressig-zuckend, auf – setz' mich, wie von selbst, dann wieder hin.

Vor dem Fenster laufen Leute und Autos fahren viel zu schnell, bremsen dann laut quietschend ab, aus Angst vor einem dieser Hubbel – wie auch immer die jetzt heißen  die manchmal auf der Straße sind und dazu zwingen, nicht allzusehr zu rasen.

Mein entfesseltes Denken rotiert laut dröhend vor sich hin; vom Geräusch her Lüftung oder Kühlschrank gleich; stolpert über sich- und verliert sich in sich selbst; findet keinen Halt und keine Ruhe:
Alles warm und hell und irgendwie lebendig.

Vorsommer VIII

Schon wieder abends weggewesen, schon wieder morgens dann verschlafen:
verwirrt wälze ich mich ein paar Stunden im endlos breiten Bett herum;
kämpfe don-quijoteisch an gegen grellen Sonnenschein und schrilles lautes Vogelzwitschern.

Stehe irgendwann dann, spastisch zitternd, auf, rutsche, kraftlos fluchend, auf dem Perserteppich aus –
liege rücklings auf den Fliesen rum, starre stumpf die Zimmerdecke an:
durch die Fenster flutet Licht die Wohnung, der blaue Himmel sticht mir in die Augen;
die Allergie lässt meine Nase laufen und direkt vor dem Haus parkt der endlos
lange schwarze Wagen einer sich laut in einer mir fremden Sprache anschreienden Großfamilie,
die – warum auch immer – auf dem Bürgersteig zu campen scheint
und mich befremdlich anstarrt, während ich diesen Text hier schreibe,
ihn, an meinem Schreibtisch sitzend, leise flüsternd für mich selbst vorlese.

Zwei unangenehm deutsch aussehende alte Damen gehen in geblumten Blusen
vor dem Fenster lang;
die Sonne spiegelt sich im hässlich-gelben Auto auf der andern Straßenseite;
laut ratternd rast, wie alle fünf Minuten, der LKW des Schrotthändlers vorbei –
würde mich einfach gern verstecken – mein armes krankes Hirn.

Vorsommer VII

Immer entweder zu müde oder zu wach;
Räucherstäbchenrauch durchzieht die ganze Wohnung;
kalter Fencheltee und warme Socken: Frührente mit Anfang zwanzig.

Vorsommer VI

Zu faul um einzukaufen, zu faul sich einen Job zu suchen,
dabei derzeit noch nicht mal depressiv:
Der Plastikmülleimer quillt wütend gurgelnd über vor leeren Lieferdienstverpackungen;
auf dem Schreibtisch mahnend Stapel gelber Briefe und ungeles'nem Uni-Kram:
Erwachsensein, irgendwie trotzdem ganz okay.

Vorsommer V

Meine Soziophobie wie Insomnie lachen sich ins Fäustchen,
wenn sie mich nachts durch die von Büchern, Bier und Decken zugestellte Wohnung jagen:
Geplagt von der panischen Angst, jede Regung meines schwitzig-bleichen Körpers sei in der Lage die gesamte Straße aufzuwecken –
und jedem Schließen meiner Augen könnten Herzstillstand und Hirntot folgen.

Und irgendwie hab' ich die beiden bösen Irren dennoch gern,
schreiben sie doch zwei Drittel meiner Texte,
verdecken Einsamkeit und andern Quatsch.

Vorsommer IV

Der kalte Schmerz des Daseins:
Angewidert zucke ich zurück vor dem penetrant sich wieder und wieder
aufbäumenden Pathos, der so herrisch wie stumpfsinnig in jeden meiner Texte spuckt.
Ich schriebe gerne klar und gänzlich ohne Kitsch;
doch wenn ich plötzlich vor dem irre dreinblickend aufblitzenden Spiegelbild, das ja leider wirklich Ich sein muss, versplittert funkelnd in den vielen Fensterscheiben vor dem großen braunen Holzschreibtisch, erschrecke,
mich kurz beschämend ekelnd hektisch unterm Stuhl verstecke –
und mich selbst dort zwischen all meinen Dämonen quetsche,
die mir, wenn ich ehrlich bin, über all die vielen Jahre
irgendwie ans Herz gewachsen sind –
vertreibt doch deren wirres Murmeln von Zeit zu Zeit die Einsamkeit –
fällt es mir unerträglich schwer mich nicht erneut in den sprachlichen Schwachsinn,
die kindlich aufgebauschten, dramatisch überspannten semantischen Spielereien,
die seit je – auch jetzt – verlogen sind, bloß leeren Raum mit falschen Worten füllen – zu flüchten,
die mir seit der Hälfte von zehn Jahren ein kleines bisschen Ich zu sein erlauben,
einen Atemzug lang etwas jenseits dieser kranken Welt und dieses schrägen Selbsts zu denken.

Vorsommer III

Morgens zuviel Grüntee und abends zuviel Bier um halbwegs klar zu denken.
Das Problem ist halt, es gibt auch nichts zu denken:
keine Krisen, keine Emotion – mein Herz steht still, fast wie in Eis.

Vorsommer II

Ständig ärgere ich mich über mich selbst, weil ich schon wieder zu warm angezogen bin. Morgens wach' ich zu spät auf, verpasse Vorlesung und Seminar: Dunkle Träume hallen Stunden nach; doch das letzte Jahr des Studiums fühlt sich seltsam heimisch an:
In der Innenstadt werde ich oft gegrüßt, lache nett und nicke kurz.

Auf der Hofgartenwiese liegend, mit dem Grün des Gras verwachsend,
lässt meine Allergie die Augen jucken und Mückenschwärme tanzen wild.
Eine leere Flasche Bier liegt neben meinem Rucksack rum;
ein paar blonde Mädchen kichern blöd und strecken ihre Arme.

Die Altbauten auf dem Weg nach Hause ragen schweigend in die Nacht.
Ein Mann zieht hektisch seinen Koffer; meine Schnürsenkel sind offen.
Unangenehm, wie schwer mir Einsamsein beizeiten fällt:
Ich rede leise mit mir selbst – habe Angst vor irgendwas.

Vorsommer I

Die neue Wohnung fühlt sich direkt wie zuhause an
Nachts leuchten golden die Laternen Bonns
Meine Haare hängen im Gesicht herum
Der Kühlschrank voll mit Bier.

Freitag, 12. Mai 2017

Europa: Eine kritische Bestandsaufnahme

Es fällt mir überraschend schwer über Europa zu schreiben: seltsam bezugslos, befremdlich kalt, sehe ich mich diesem abstrakt-großen Gegenstand gegenübergestellt, dessen derzeit übersteigerte Wichtigkeit mir Tag für Tag verständlich gemacht werden soll.

Zuallererst denke ich, dass kein Gegenstand dieser Welt es nicht wert wäre kritisiert zu werden; dass Erhaltungswürdigkeit, soll sie nicht als leeres Wort fungieren, sich als solche zu beweisen hat.

Und Europa – nur weil Dich dieselben Menschen hassen, die ich für ihren Hass verachte, sind wir beide leider keine Freunde; nur weil eine ach so aufgeklärte Jugend, in einem spontanen Anfall unbeholfener Re-Politisierung, ihre Apathie vermeintlich überwindend, den diesmal endgültigen Untergang des Abendlandes drohend am Horizont heraufziehen sieht, erschließt sich mir nicht ganz, wie dies das pawlowsch-reflexhafte Verfassen schmerzhaft kitschtriefender Lobeshymnen auf deine heilige Unfehlbarkeit begründen könnte.

Ja, Gemeinschaft ist als Mensch das Höchste: nur gemeinsam, als gleichsam Anerkannte, sind wir frei. Und nein, ich glaube nicht, dass die sogenannten ,,westlichen Werte’’ bloß irgend-relativierbare Propaganda-Chimären von temporärer Wahrheit wären.
Doch der Angst vor dem Zerfall aller europäischer Gemeinsamkeit geht die Frage nach Substanz voraus:
Wie dicht sind die Netze, die zu reißen drohen, wieviel Last vermögen sie zu tragen?
Welchen Sinn macht subjektives Klagen, jenseits jeden Reflexionsniveaus?
Wem nützt blinde Emotion, aus einer unbestimmten Furcht heraus, man könnte uns die Freiheit nehmen, die, wenn wir einmal ehrlich sind, noch nicht mal hier für jeden gilt?

Als Kind des Friedens weiß ich nicht, was Pazifismus heißt.
Als Kind des Wohlstands ist mir Armut fremd.
Als Kind der Freiheit, Tyrannei ein leeres Wort.

Und wenn Europa genau das bedeutet:
Frieden, Wohlstand und Freiheit für jeden Einzelnen in ehrlich anerkannter Einigkeit:
dann bin ich Europäer, dann weiß ich jetzt, wovon ich schreibe!
Doch diesem Europa, das wir uns so gern erträumten, gilt es – vor allem durch  Kritik endlich Leben einzuhauchen; es aufzuwecken; es durchs Hinterfragen wahr zu machen;
denn kein simples Hinnehmen des Gegebenen, das bloß im Bedrohtsein kurz erträglich scheint, wird in der Lage sein dieses Europa, unser Europa, über sich hinauszutreiben:

in eine wahrhaft freie Welt, fern von Herrschaftszwang und Ungleichheit.
x

Donnerstag, 4. Mai 2017

Anfang Mai

Verkatert in Bonn, der graue Himmel liegt uferlos und träge über der Stadt. Ich hänge kreidebleich in irgendwelchen Hörsälen, zitt're hektisch, gierig Wasser trinkend, beim vergeblichen Versuch nicht allzu schnell zu kotzen. Die Deckenlampe flackert, wütend knackt die Heizung; das dunkle Holz der Wände starrt mich unversöhnlich an. Und das Einzige, was mich bei Laune hält, sind wieder mal die viel zu vielen, viel zu schönen großen blonden dürren Mädchen, mit ihren hochgesteckten Haaren und traurig-wachen Augen, in schön geschwung'ner Schrift mitschreibend, in Richtung altem Herrn Professor strahlen.

Ach

Wie viel Einsamkeit scheint der Geschmack von Wodka wett zu machen?
Vermutlich schon recht viel, doch:
Ich bin allein und alles dreht sich – diese Welt wirkt seltsam kalt.

Wieder mal wieder mehr schreiben

Vor meinem riesen Fenster prasselt der Regen unaufhörlich nieder auf den Asphalt der kessenischer Reichengegend: Verwirrte, nasse Frühlingsnächte; seltsam zukunftsschwanger.
Und ich liege wach in meinem Bett und frage mich: Wieso, wieso, wieso, fällt mir in diesem Leben alles schwer?
Verzeih mir bitte diesen Hang zur Floskel, meine Sprache scheint absent.

Tote Hybris

Ich hab' mich an der Schärfe meines Denkens wundgeschnitten, bin ein entstelltes, scheues Kind; und alles Schöne wird in meinem Mund zu Asche. Fühl' mich manchmal, so wie jetzt, und an sich viel zu oft, vermeintlich nur zuhaus' im ewig gleichen Dauerrausch. Der fiese Nachgeschmack des falschen Selbsts, bis zum Erbrechen aufgebauscht und ausgelebt. Und einsam und allein verharre ich auf meinem Reflexionsniveau, so traurig fremd von aller Welt: Menschen hinter Milchglasscheiben.
Die Luft ist dünn, ich lach' sehr viel – die Zeit war schön, viel Spaß euch noch.

Mittwoch, 3. Mai 2017

Sonntagsfrühstück II

Schon wieder auf zehn Bier in der guten alten ULB,
Kopf gesenkt, heimlich meine Fahne schwenkend,
Adorno, Hegel, Kafka lesend.
Und die Dinge sind jetzt wieder schön,
Häuserschluchten ragen gierig Richtung Himmel;
Bonn erstrahlt in sattem Gold.
Der monoton prasselnde Frühlingsregen spült ungeduldig, unbeirrbar,
den Dreck von allen Straßen, den Dreck aus meiner Seele
und erzeugt, jahrzehntealtes Elend klärend, ein schlammig-trübes Meer,
das fast die ganze Welt verschlingt.
Und meterhohe Wellen brechen tosend auf die Stadt herein;
hoffnungslos geworfen treibe ich umher,
in wütend wirren Strudeln, den Tiefen meines Selbst;
und ich würge, zucke, zapple  –
alles voll von Blut und Kotze, wie mein Bad am Sonntagmorgen.
Beiß dir schon mal in dein Fäustchen Kleines,
Atlas ist zurück.

Freitag, 28. April 2017

Sprachverwirrung

Seltsam überkommt mich das Gefühl der Gottverlassenheit von hinten links im Schädel:
Die schöne neue Wohnung ist so groß und leer
Und auch wenn ich sonst so furchtbar gern' alleine bin:
Jetzt gerade tut es weh
Und mir fehlen ein bisschen die Worte, denn
Je mehr ich weiß, wovon ich rede, desto schweigsamer werd' ich.

Freitag, 14. April 2017

Der gordische Knoten

Das zweite Mal an diesem Tag verliere ich mich für unbestimmte Zeit in den braunen Augen und braunen Haaren eines ausgesprochen hübschen Mädchens, das sich im Neonlicht des leeren U-Bahnhofs, wie aus Versehen, auf den orangenen Plastiknachbarsitz setzt, und danach in der Bahn mir direkt gegenüber.
Beim Aussteigen überschwemmt mich dann ein todtraurig-leerer Blick.
Hätt' ich ein Herz, ich glaub' es würd' kurz zucken.
Stattdessen denk' ich mir, wie gierig ich doch bin, auf jedes noch so kleine Stück Ästhetik, das ich doch niemals haben kann, noch haben will, dabei durch es so gern zum Ich zu werden glauben würde.
Kurz bin ich heute wieder Gott gewesen, dann auf dem Weg zu meiner Wohnung blöd über die Bordsteinkante gestolpert.
Das Zimmer riecht nach Rauch, die Nächte sind noch kalt, bald bleibt es länger hell.

Jetzt wird der Oberlehrer wieder philosophisch

Ich sage mich unwiederruflich los von jeglichem blinden Indeterminismus, allem bloß naiven Subjektivi- sowie Individualismus, sämtlichen Formen stupider Glorifizierung praktischen Handelns und damit dem Irrwitz der Unsitte des Aberglaubens auch nur einen Kieselstein, ein Sandkorn dieser Welt wahrhaftig über den Lauf der Dinge hinaus beeinflussen zu können. –
Verschreibe mich stattdessen gänzlich dem Gedanken, begebe mich in Gottes Hand, in der ich, wie sich jetzt erst zeigt, doch immer schon längst lag:
Das Allgemeine ist das Ganze, ist das Wahre, bin auch ich.
Und es steckt so viel ruhige tiefe Wahrheit in dem wilden Oszillieren zwischen kaltem klaren Geist und butterweichem Selbst, durchtränkt vom warmen Herz der Welt.
Sämtliche der so willkürlichen wie subjektiven Partikularitäten um mein Ich herum und selbst auch in ihm drin sind ihm und damit mir mit der Zeit, diesen paar Herzschlägen, Augenblicken, so schmerzhaft fad und trüb geworden.
Plötzlich zeigt sich, wie von selbst, wie unsagbar viel Ästhetik, Herz, Moral (man könnte sagen Liebe) für mich, seitdem ich denke, im Weltlauf, der Vernunft, verborgen war –
ganz ohne dass ein Ich sich dies von sich aus-denken müsste.
Mein geliebtes Hen Kai Pan blitzt hierin hektisch zitternd auf:
Der Bezug zum Transzendenten, das Verwickeltsein ins All – es pocht und zuckt und strahlt.
Die Axt im Kopf kommt an ihr Ziel, erlöst mit letztem festem Hieb die gordische Verdrehtheit ihres Grunds:
Dessen Entfaltung, die ich bin, scheint als Vernunft und ist die Welt.

Sonntag, 9. April 2017

Hanami II

Ein ungewohnt ruhiger und klarer Samstagmittag in Bonn: Das quadratische Bibliotheksgebäude ragt, grau-weiß den hellblauen Himmel kontras- sowie kastrierend, aus diesem doch auch erst erwachsend, aus ihm hervor. Schneidet sich – sich seiner selbst so absolut gewiss – stumm und unbarmherzig, mit tiefen Schnitten durch die blaue Kuppel (die heut' mehr wie eine Leinwand wirkt) und in die Welt hinein.
Auf dem Vorhof des Gebäudes sitzen oder liegen Mädchen, in kurzen Tops und schwarzen Hosen, faul auf den Steinplatten herum. Die Frühlingssonne wärmt die ganze Stadt. 
Eins von ihnen dreht sich zu mir um – ich werfe eine letzte Hand 1€-Studentenfutter aus dem Automaten in meinen Mund, kaue lustlos darauf rum und starre stumpf zurück.
In einigen Straßen fallen Kirschblüten, der Rhein fließt träge vor sich hin, gelegentlich sieht man ein paar Ruderer. 

Mittwoch, 5. April 2017

Auf verlorenem Posten

Wenn wir Begriffe wie ZeichenMetaphysik oder Dialektik verwenden,
dann interpretieren wir die Sphären dieser Welt
grundlegend anders,
als die allermeisten andern Menschen –
und können daher von diesen
weder verlangen noch erwarten
unsere Sicht der Dinge blind zu teilen,
wenn doch jene das diese hervorbringende Werkzeug
weder kennen noch verstehen,
noch dies wollten
oder müssten.

Donnerstag, 30. März 2017

R. S.

Es ist lustig, wie sehr mein alter Herr
in seiner Welt festhängt,
wie wenig überzeugend vermittelt,
dass er wirklich fühlt, und gerne,
ach so gerne –
wenn er doch nur könnte –
ein kleines bisschen helfe.

Und ich tu' es ihm gleich,
mit meinem grünen Tee,
dem stundenlang ins Leere Starren,
dem wochenlang allein Rumtreiben.

Absurd, wie zwei so gleichermaßen
sich sowie dem andern Fremde,
sich an den Rändern ihres Einsamseins
beinahe zu berühren scheinen –
es in Wahrheit doch nie tun –
dabei dieselbe Seele sind.

Mittwoch, 29. März 2017

Du trägst dein Kreuz, ich trag' mein Kreuz

Der Ernst des Denkens fällt mich an:
Die Liebe zur Vernunft –
sonst nichts auf dieser kranken Welt –
sie bleibt mir heilig.

Die Axt in meinem Kopf II

Plötzlich bricht da aus mir raus,
der Grund des Seins der Axt im Kopf –
der wieder und wieder erwachsende,
mit jedem Atemzug pulsierende,
gordische Knoten,
den mein verdrehtes Ich,
verzweifelt um Luft ringend, so zwanghaft zu zerschneiden sucht;
doch damit doch nur scheitern kann
und scheitern muss.

Ein paar letzte Zigaretten auf dem Balkon;
ein Krankenwagen fährt vorbei –
alles seltsam bedeutungsschwanger.

Mittwoch, 22. März 2017

Die Sicht des Ichs als Ich

Ich stehe barfuß und in Unterhose auf dem Balkon und rauche. Die letzten sieben Tage eines sehr verwirrenden Jahres in Endenich. Die kahlen Bäume vor dem Versicherungsgebäude gegenüber sehen im goldenen Licht der zwischen ihren langen dürren Ästen verwachsenen Laterne ein bisschen aus, wie ausgedorrte Lungenbläschen. Die Straße atmet flach und ruhig, liegt ganz friedlich da, während ein nachtschwarzer Mercedes, mit leise laufendem Motor, eine halbe Ewigkeit artig an der roten Ampel wartet. In der Etage über mir hört man vereinzelt Schritte. Gerade wurde irgendwo eine Balkontür aufgestoßen. Im Hintergrund leuchten, rot blinkend, die weit in den Himmel hineinragenden Industrieschornsteine Wesselings; pusten graue Nebelwolken in die kalte klare Nacht. Ein Fahrrad fährt, mit surrendem Licht, klappernd die Hauptstraße entlang; und ich denke dankbar an die Mädchen, mit denen ich hier, in diesem Jahr, nachts auf dem Balkon gestanden, geredet und geraucht, die Einsamkeit ein wenig vergessen habe. Kurz drängen sich, aus der Dunkelheit hervorbrechend, die viel zu vielen endlos langen, und dann doch auf unbestimmte Zeit im Nichts verschwindenden, durchgemachten Nächte auf; verlieren sich, genauso schnell, in ihrer schrägen Weltfremdheit. Der Beton unter meinen Füßen lässt mich unangenehm schnell auskühlen; ich gehe kurz zurück nach drinnen, ziehe meine neuen, mir so schnell so sehr ans Herz gewachsenen, braunen Hausschuhe an.
Plötzlich: Erinnerungen an mein altes Kinderzimmer, im ersten Stock, in dem ich früher, in endlos langen warmen Sommernächten, genauso schlaf- wie traumlos, wachlag, während der Zigarettenrauch meiner auf der Haustürtreppe rauchenden Mutter durch die hölzernen Fensterläden und die viel zu dünnen, einfachverglasten Fenster hindurch hineinzog.
Als Kind habe ich immer lange wachgelegen und den blinkenden Lichtern der am Horizont vorbeiziehenden Flugzeuge hinterhergeschaut, während das Flurlicht durch die nur leicht angelehnte Zimmertür hindurch ein schmales helles Dreieck in die Dunkelheit des Raumes malte.
Ich habe in diesem Leben nichts beruhigenderes erlebt.
Deswegen habe ich auch heute Abend die Balkontür offen stehen gelassen, um jetzt erneut im Bett liegend, ein kleines bisschen Restzigarettenrauch, in der Wohnung, dieses fast vergessene, vergilbte Gefühl heraufbeschwören zu lassen.
Bald wird das alte Haus in Schmerbroich abgerissen, und diese eine, ganz konkrete Perspektive, der Blick aus dem großen Küchenfenster auf die im Hintergrund in den Himmel hineinragenden Baumkronen, wird sich, wie so vieles hier, auf Nimmerwiedersehen im Nichts verlieren; auch wenn die Bäume selbst ja stehenbleiben, nur dann bloß gänzlich unbetrachtet, für keinen Geist der Welt von Wert.
Und irgendwie fühl' ich mich seltsam ruhig; meine Getriebenheit verliert sich, ohne großes Klagen, in dieser ersten, noch recht kalten Frühlingsnacht, und ich bin mir sicher, dass wenn morgen früh der Wecker schellt, die Sonne scheint, und Vögel singen, und alles seltsam wirklich ist.

Samstag, 18. März 2017

Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen

Ich hab' kein' Spiegel an den Wänden hängen,
wenn ich mich erkenn' will, hör' ich Prezident.
Hab' bloß Spiegel auf dem Schreibtisch liegen,
kann nich' pennen / kurz nach Sieben. –
Greife gierig in die Scherben meiner selbst;
blute hektisch zwei-drei Zeilen aufs Papier.

Und ist es nicht so unerträglich krank ironisch –
ein lauer Witz, des ach so klugen Weltgeists –
dass unter Karl Marx' altem Zimmer,
direkt am alten Zoll,
heute vegane Fair-Trade-Hipster
Zehn-Euro-Sternfrucht-Avocado-Saft verkaufen?

Doch was will man machen,
immerhin kostet das Paderborner Pils,
am Kiosk gegenüber,
weiterhin bloß siebzig Cent –
und ab drei bis vier Promille,
ist die schöne neue Welt
in Wahrheit halb so wild.

Freitag, 10. März 2017

Keine Schuhe an den Füßen dafür Ouzo im Arm

Wenn du irgendwann mal warst wie sie, wirst du es immer wohl latent auch bleiben;
wie soll man auch nur einen
von euch, mit Anfang zwanzig plötzlich zu 'Personen'
werdenden Scherzkeksen ernst nehmen –
als könne man sich sein – beziehungsweise irgendein –
Ich einfach aus dem Boden stampfen, nachdem man,
zwei Jahrzehnte lang,
als seelenloser grauer Ball, lässig opportun, durch die
Sonnenseite des Systems gekugelt wurde. –
Und ja, mein Feindbild ist ein alter Hut,
hab' in Wahrheit sonst nicht viel, an dem ich mich abarbeiten kann,
doch die bourgeoise Inhumanität, diese krasse Menschfremdheit;
das vermeintlich aufgeklärte, ach so progressive,
Hauptsache politisch-korrekt vegan-feministische,
in Wahrheit ganz und gar bürgerlich durchsetzte, schmerzhaft aufgesetzte,
vor Geist- und Vernunftlosigkeit triefende, jeglichen Ich-Begriff karikierende,
stumpf amerikanisierte, absolut willkürlich-subjektive,
Sich-selbst-zur-Ware machen
und dabei noch unter Wert verkaufen –
anstatt auch nur einen einzigen Gedanken zu denken,
auch nur eine einzige Sekunde an die Anerkennung
seiner selbst und die Anerkennung der andern Menschen
zu verschwenden;
das angeblich alternativlose Flüchten in bloße Ironie,
ohne irgendein Programm, ohne irgendein System;
das rückgratlose Lossagen von jeglicher Verantwortung,
jeglichem, von mir aus halbherzigen, Versuch das Gute zu sehen
oder zumindest zu versuchen, in Richtung richtiger Richtung zu gehen,
als höchstes Ideal der Jugend, macht mich ungebrochen krank.

Und ich kleb' schon wieder regungslos vorm Rechner,
während hinter zugezogenen Vorhängen
verregnete Tage und verregnete Nächte
unbemerkt vorbeiziehen;
hätte eigentlich zwanzig Seiten über meinen kleinen Hegel zu schreiben
und das uferlose Meer aus Dreck und Müll und Pfand,
mosesgleich, mit ein-zwei Schneisen, Richtung Küche, Flur und Bad
zu teilen und mich endlich darum zu kümmern, schnellstmöglich aus
diesem schmerzhaft sterilen Wohnheim auszuziehen
und mir mehr Mühe zu geben, Dir zu zeigen, dass ich Dich mag –
und auch wenn ich genau das seit Jahrmillionen schreibe,
wohl am Ende immer in meinem sturen Kopf stecken bleibe –
ist trotz allem alles weiterhin so seltsam ruhig und seltsam klar –
und irgendwie bin ich mir sicher,
dass, auch wenn es sich wird zeigen müssen, die Dinge langsam besser werden.

Mittwoch, 1. März 2017

Clown im Menschenkostüm II

Mein Ich, beziehungsweise das, was derzeit davon übrig is',
findet, beziehungsweise verliert sich, wieder und wieder und wieder,
inmitten der Sprachlosigkeit –
kann nicht schreiben, kann nicht denken, kann nicht fühlen –
gefangen in den Fängen meiner wunderschönen Eisprinzessin,
in deren rehgleichen Vollmondaugen sich seit Anbeginn der Zeit
und bis in alle Ewigkeit,
die geistlose Stumpfheit der Verzweiflung des Versuches,
sich ein semantisches Ich zusammenzuzimmern
widerspiegelt;
bis ich irgendwann dann wieder lachend vom Stuhl falle, vom viel zu lange Wachsein.

,,Und du hast sie doch gefickt''
bricht es aus mir heraus.
Hab' mir wie ein Kranker in die Hand gebissen,
beim halbherzigen Versuch, es nicht zu schreiben,
nicht in Stein zu meißeln –
als würde der Gedanke erst so zur Wirklichkeit,
einer Wirklichkeit, in der Du, warum auch immer,
die absolute Chuzpe besitzt,
mir ganz so, als wäre nichts, als wüsste ich von nichts, zuzuzwinkern;
Du mich erneut mit Sprachlosigkeit überziehender Abschaum.
Morgens früh im Club am Stehen,
das Kokain hämmert mir hart gegen die Schläfen,
härter noch, als ich mir selbst, beim Schreiben dieser Zeilen.
Und ich gönn' Dir nicht mal die Genugtuung, Dir deinen Schädel einzuboxen
(auch wenn ich weiß, dass das jetzt übertrieben ist)
einfach weil ich weiß, wozu Gewalt am Ende führt;
einfach weil ich aus einem letzten, winzigen Respekt vor meinem Selbst –
wo auch immer der her kommt –
Dir sage, dass ich mich frage, wie Du es wagen kannst, mir ins Gesicht zu gucken
und dass Du, wenn Du jemals wieder neben mir stehen solltest,
den verfickten Boden anzustarren hast.

Und ich versinke, wie gehabt, stumm schreiend
um mich schlagend,
vom Wahn um den Verstand gebracht,
in was auch immer das hier ist.
Das Schreiben wird vulgär, alles hoffnungslos vermischt:
Das kleine Heimatdorf, die große Stadt,
der riesen Spalt dazwischen,
die endlos lange Nacht, die Jahre ohne Schlaf,
randlos-rote Münder, dürre bleiche Körper,
schneeweiße Haut und warmes feuchtes Fleisch,
die Gier nach Mehr, der Drang zum Tod,
die Demut vor dem Leben,
das Schreien, das Wimmern, das Heulen,
das Bluten, das Würgen, das Kotzen,
das Jahre regungslos im Bett Rumliegen,
die Axt im Kopf, die Einsamkeit, mein Gottkomplex.

Und trotz allem ist da wieder jemand, in dessen Gegenwart ich mich
ein bisschen wie ein Ich fühl;
ein bisschen Nachgeschmack von Sinn aus meinem sonst so sauren Magen würge;
und manchmal reicht das schon zum Weitermachen, also –
danke, läuft ja eigentlich ganz gut.

Freitag, 17. Februar 2017

You're always ahead of the rest – while I drag behind

Ich hab' nach gefühlten Jahren des Hoffens
und Planens und Bangens
endlich meinen Glaspfandwald abgeholzt und
auch wenn das jetzt keine kluge Wortneuschöpfung
ist, ist es doch lustig, dass allein schon etwas mehr als
eine Woche Schlafen, Essen,
nicht andauern nur besoffen
oder auf zu viel Atarax® zu sein,
ausreicht, wieder klar im Kopf zu kommen –
so widerlich kristallglasklar,
dass auch das mir dann,
wie immer halt,
alsbald schon viel zu viel wird.

Und meine Traurigkeit wächst mit mir selbst
in mein verdrehtes Ich zurück:
Krallt sich dabei an mir fest, mit ihren buntgefärbten Hurennägeln;
spreizt, mich abgrundtief verachtend, ihre beiden bleichen Schenkel;
spuckt mir gurgelnd, sabbernd, voller Liebe,
Stauseen aufgeschäumter Speichelfäden ins Gesicht –
beißt mir metertief ins Fleisch,
frisst sich ganz durch mich hindurch.

Und ich bin mittlerweile alt und schwach,
kann mein unverdientes Glück kaum fassen,
wenn sich von Zeit zu Zeit
irgendein bleiches trauriges Prinzesschen
in mein zu schmales Bett verirrt
und dabei rettungslos in meinem trüben Blick
und dem ganzen wirren Quatsch,
den ich aus Angst mich aufzulösen,
so unaufhaltsam sag',
verliert.

Wie vor dem Eingang zur Hölle

Und ich mach mir üble Gedanken bezüglich dem, was ich so von mir zeig;
üble Gedanken bezüglich dem, was ich als Ich so von mir fühl;
ganz so, als hätt ich Angst was zu veliern;
dabei heißt doch Leben, Dasein, immer volles Risiko
(auch wenn das so unerträglich geistlos klingt).

Hatte scheinbar meine Sterblichkeit vergessen – lustig irgendwie.

Gesprächsfetzen

Der genauso traurige, wie erhabene Witz des Menschseins, dass das Niedrigste und das Höchste, das uns als Handlungsspielraum zur Verfügung steht – das, was wir definitiv als erfüllte Minimalbedingung eines irgendwie auch nur ansatzweise gelungenen Lebens zu vollführen haben; und das, was wir aller aller höchstens, bei absolut entfalteter Handlungsfähigkeit, quasi gottgleicher Utopie, tun könnten, irgendwann vielleicht tun werden, eigentlich sogar tun sollten – sich weder an einen einzigen Weg, an eine einzige Person, an eine einzige Einsicht zu klammern, als wäre das die Freiheit; noch, sich der Beliebigkeit der Willkür hinzugeben, sämtliches des Viel zu Vielen als gleichermaßen wertlos abzutun,
  rührt mich innerlich zu Tränen; lässt mich beinah' sprachlos werden; presst mir die paar Zeilen hier aus meinem sonst so tauben Hirn.

Dienstag, 14. Februar 2017

Das wird 'n trister Winter

Mein Schreiben geht mir derzeit viel zu sehr ans Herz.
Fuckt ab, die vielen wirren Wortfetzen,
die mir so durch's Hirn hetzen,
direkt in Textform wahrzunehmen.

Der Versuch im Innern, wie im Äußern,
aufzuräumen, sich gegen all die Faulheit, Traurigkeit,
den Stress, das Elend aufzubäumen:
Die Kloschüssel schluckt gierig alles von dem Moskovskaya;
schluckt alles von dem Zarewitsch;
schluckt alles von dem Absolut
gurgelt wütend wirr in Richtung immergleichem Nichts.

Und plötzlich lauf' ich doch mit zwei Promille heim,
seh' die wunderschönen Dächer dieser Stadt,
die ich, nach einem Jahr,
so in mein Herz geschlossen hab'
und denk' mir:

Wär' das dein letzter Tag –
von mir aus,
wär' okay.
Und ist er's eben nicht:
Junge, schreib! –
Gottverdammte Scheiße, schreib,

als stünd' dein schräges Leben auf dem Spiel.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Zerfressen von Neid

,,Pseudolyrischer Bullshit für Eins-Nuller-Abiturienten aus gehobenem Elternhaus, denen die Krokodilstränen über die glattgebügelten Fressen kullern, wenn sie mit vor Sentimentalität zitternden Beinen an die ferne Zukunft denken, in der sie dann, mit Mitte dreißig, im Kreis all ihrer Elite-Partner-Werbeplakat-Modell-Freunde, großspurig mit den ausschweifenden Eskapaden ihrer wilden Jugend prahlen: ,Wisst ihr noch, wie wir damals nach drei Bier über den Freibad Zaun geklettert sind?' ,Hahaha, ja wir haben so richtig die Sau rausgelassen, als wir noch jung waren!''' –
schrieb ich, vor nunmehr zwei Jahren, als wütend aufgebrachter Jugendlicher, vermutlich früh morgens, vermutlich völlig betrunken, unter ein – ihr ahnt es – Julia-Engelmann-Video. –
Yeah, one day baby – in einer Welt, in der du dumme Sau auf irgendeine Art und Weise auch nur ansatzweise in die Nähe einer Kategorie wie Literatur, Lyrik oder was auch immer fällst –
lieber nicht, nein danke, kein Bedarf.
 und wurde gerade von einem freundlichen Herren qua seines Kommentars:
,,MrV.Valium [Anm. d. Aut.: Hahaha, upps] Hm. Man könnte es dabei bewenden lassen, dass dein Nick alles über dich aussagt. Aber das stimmt gar nicht. Denn noch mehr sagt dein posting über dich aus. Über DICH, nicht über JE [Anm. d. Aut.: freundlicher Herr meint Julia Engelmann] oder was oder wie sie vorträgt. Letzten Endes - Neid? Darauf, dass jemand den Grips und den Mumm hat, sowas zu schreiben und rauszuhauen?!''
daran zurückerinnert.
Ja, was soll man dazu noch sagen, keine Ahnung, ich bin sprachlos.
Der Neid frisst mich auf – und einsam und allein treibe ich hinaus in die endlosen Untiefen des Internets –

trololololol.

Freitag, 27. Januar 2017

Meh.

Und ich hab diesen scheiß Text über mein gesamtes Leben
tatsächlich im Literatur-Seminar vorgetragen;
hätte mich stattdessen zehn Minuten nackt auf den Tisch legen können.
Und ich hab aus Versehen die Dosis erhöht, die Downer klatschen richtig gut;
nach dem Seminar direkt ins mir derzeit entrissen werdende Bonner Loch
gestolpert, über das ich doch längst geschrieben haben wollte –
doch mein Kopf ist immer noch recht lahm.
Billigster Zarewitsch Wodka in der Grünteethermoskanne –
dein Lachen hallt mir tausendfach durchs Hirn,
splitternden Spiegelscherben gleich.
Noch mehr Wodka, noch mehr Downer –
im Bus spuckt dann die Tageschau-App
Texte über's Holocaust-Andenken
direkt in mein Gesicht  –
und ein Teil von mir ist bei dem Besuch in diesem Höllenloch
einfach in Auschwitz stehen geblieben –
zerbricht unaufhörlich daran, wie die Menschen sind.
Der Weltschmerz pocht zu krassdie Axt im Kopf dreht völlig durch.
Wird wohl doch noch bisschen dauern den ganzen Kram hier durchzustehen.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Deprimiert Sein

Wenn es mir schlecht geht, zittern meine Arme komisch
und ich werf' immer alles um –
schütte beim Versuch zu trinken, Wasser auf mein Shirt
und Wasser ins Gesicht –
fühl' mich dann ob dessen doppelt dumm.
Hab' es letztlich neulich, und dann heute,
aus Versehen fertiggebracht,
meine beiden über alles geliebten,
handgetöpferten japanischen Tonteetassen zu zerstören,
auf die, wenn schon nicht auf mich, aufzupassen
ich mir doch hoch und heilig geschworen hatte;
auf deren Boden sich schon eine so unendlich schöne
Patina gebildet hatte,
Jahre des Teetrinkens nacherzählend. –

Später dann der fade Nachgeschmack,
die stumpfe Wut darüber, meinen Tee
jetzt wieder aus blöden Bechern trinken zu müssen,
wie ein verfickter ganz normaler Mensch. –
Ja, wer zur Hölle bin ich denn?

Trotzdem die Katharsis, in dem Augenblick des Aufschlags;
die splitternd umherfliegenden dunkelbraunen Tonscherben;
das dumpfe Geräusch, von irgendetwas, das kaputt geht:
Kintsugi – Pflegefallästhethik
Gefäße sind zerbrechlich, Scherben halten ewig.
Und irgendwas bricht auch aus mir,
irgendwas, was dort schon lange lag. –

Und wenn das heißt, ein-zwei-drei Wochen,
panisch krampfend, hektisch um Luft ringend,
mit spasmisch zitternden Armen,
alles um mich herum umwerfend
im Bett herumzurollen –
dann ist das eben so.

Und ich trinke zu viel und schlafe zu wenig
und träume nichts als kranken Kram –
bin trotzdem dankbar für jede Empfindung,
jeden einzelnen Gedanken –
alles so viel besser als das Nichts.

Ich und die Andern V

If you can't soar with the eagles then don't fly with the flock:
Wenn Du nicht damit klarkommst Süße,
spiel nicht mit den kaputten Kindern –
ich kann Dich ficken
aber ich kann Dich nicht lieben;
kein Küsschen, keine Umarmung –
mehr als Einsamkeit is' heut' nich' drin;
bin Dir, wenn du's brauchst, gern ein kleines bisschen schlechter Einfluss
aber mehr auch nicht.
Jeder wie er will, jeder wie er kann –
mein Respekt vor Dir verbietet es, deine Privatsphäre zu übertreten,
dir gutes zu tun, wenn Du, wie ich, am Ende nur Zerstörung willst.

Und ich bin noch immer an den Rändern offen,
oszilliere rastlos hin und her;
die Depression fickt meinen Kopf –
immerhin fühl' ich wieder irgendwas.
Und ich müsste mir meine beiden gierigen Hände abhacken,
bei dem verzweifelten Versuch,
nicht mehr in irgendwelche Münder zu kommen,
mir jeden Dreck in die Nase zu ziehen.
Was trotz allem bleibt: die Gier nach mehr –
der Traum, der mich zerstört.

Ich und die Andern IV

Ich wär' so gern einfach ein großes dürres blondes Mädchen,
das traurig, verängstigt und zitternd im Bus steht
und dabei furchtbar schön aussieht.

Dienstag, 24. Januar 2017

Ich und die Andern III

Und ich kämpfe jeden Tag bis zum Erbrechen –
liege dabei doch nur regungslos im Bett;
die Wohnung voll mit Müll, in der Spüle dreckiges Geschirr;
das Aufbäumen kostet Kraft –
ist alles andere als leicht für mich,
in den Bereich, von meinem schrägen Ich,
durchzudringen,
im Ansatz zu empfinden, was ganz unten,
was ganz innen,
kreucht und fleucht und tobt.

Und ich war nicht so naiv und dachte
ich könnt' Dich retten –
doch es ist so unerträglich fad zu wissen:
alles wie gehabt / nichts mehr wie es war:
Du machst durch und ich mach' durch /
nur Du halt ohne Mich und Ich dann ohne Dich;
und dann sitzt man irgendwo,
und denkt nicht recht und fühlt nicht recht;
klebt ewig auf der Stelle fest.

Und mein gestörter Geist dreht sich
im immergleichen Kreis,
hängt fest am immergleichen Quatsch –
dem Sex, dem Speed und diesem Augenblick,
in dem zwei völlig isolierte Seelen
irgendwie doch zu einer Einheit wurden,
die heut' noch wie ein Fels
im Zentrum meiner Welt
rumsteht,
auf Brust und Herz eindrückt.

A.) Postpubertärer Weltschmerz, künstlich aufgebauscht;
B.) untragbare Jesus-Manie-Schübe, in denen ich mich
bis zum Grunde meines Seins auflöse und
als nichts, als reines Mitgefühl
vor Trauer über alles und Trauer über nichts
unrettbar in mir selbst ertrinke, in der Tragik dieser Welt versinke;
C.) völlig isolierter Soziopathiezismus, nichts empfindend als Verachtung
für alles was ich bin und jemals war und werde hätte sein gekonnt –

und das aller aller schrägste ist, die Synthese aus dem drei,
das, was ich dann letztlich bin, ist, der Gedanke, die Gewissheit:
ich weiß ich weiß ich weiß, weiß von ganzem Herzen:
Ich leb' dieses Leben nicht zum ersten Mal,
bin in Wahrheit tausend Jahre alt –

und ich glaub' nicht mal an Gott,
glaub' nicht an die Vernunft,
glaub' am allerwenigsten an mich –
und trotz allem:
ich leb' dieses Leben nicht zum ersten Mal –
weiß, dass das alles hier kein schönes Ende nimmt.

Ich und die Andern II

Plötzlich finde ich mich wieder, in diesem absoluten Zustand
der Selbst-Genügsamkeit –
wenn ich auf zu viel Kaffee und
zu viel Nikotin,
durch die ULB schwebe, vier-fünf Stunden Hegel lese,
dabei selbst nicht weiß warum;
und darüber denke, wie schön es ist, sich kurz mal
aufzulösen und Eins zu werden, mit der Welt
und all ihren Bewohnern –
beim Schlafen träum' ich wieder, mein Narrativ geht langsam weiter.

Samstag, 21. Januar 2017

Ich und die Andern I

Und ich kann einfach nicht mehr schreiben, werde krank beim Anblick des leeren Blatts Papier,
nach diesen beiden letzten Texten, in denen ich wirklich alles zu sagende gesagt hab'.
Nur wenn ich mit drei Promille heim komm', wird mir plötzlich klar, wie sehr ich die Leute von der Uni,
meine neuen Freunde, mittlerweile liebe,
wie dankbar bin, für dieses kleine bisschen Mehrsamkeit.
Werfe Köder in Form von Texten, in der Hoffnung, dass irgendwer drauf reinfällt –
mich dabei doch zurückhaltend, weil wissend, dass die zwei-drei Mädels, die in Frage kämen, deinen Platz einzunehmen, den ganzen Quatsch hier mitlesen –
ganz schön kranke Perversion.
Komme weder vorwärts, noch zurück – brauche scheinbar doch wen anders.
Mal gucken, was die Zukunft bringt – letztlich alles halb so wild.

Samstag, 14. Januar 2017

Erwachsen Sein II

Das Nicht-Schreiben-Können pocht im Hirn wie ein Tumor
Wieder im Nachtzug Richtung Köln, das Braungrau der Sitze
Potenziert die Übelkeit – Ich bleibe Ich, trotz allem, komme nicht aus meiner Haut.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Abschied

Der scheiternde Versuch eines Perspektivwechsels wirft mich auf mich selbst zurück – da ist kein Du mehr, bloß noch Ich, in mir; nur noch in meinem Kopf und meinen Texten beschwöre ich wieder und wieder ein Wir, das nach und nach dann doch verblasst:

Die Eule der Minerva beginnt erst spät am Abend ihren Flug, genau wie ich, der lange braucht sich zu verlieben, lange braucht sich dann zu lösen – hab' mir geschworen, ich werd' nie mehr der Mann, der ich vor Dir war, doch dieses fast vergessene, widerwärtig mich durchziehende Gefühl ist plötzlich wieder da – seh' keinen Sinn in diesem Leben, treibe einfach so dahin; und es fällt mir schwer mich einzulassen, auf die Einsamkeit, die, bevor Du da warst, doch so lange mein Begleiter war.

Samstagabend, die Airmax schweben auf Asphalt – gottverdammte Scheiße, hab's schon wieder nicht geschafft mich auch nur ein einziges Wochenende am Riemen zu reißen – zum Frühstück Tee und Downer.
  Meine Rückwärtsgewandtheit hält mich fest, zerrt wie wild an mir – und doch muss ich erneut den Blick in Richtung Zukunft zwingen: für mich das Schwerste auf der Welt.
  Und ich merke wie mein Innerstes sich zaghaft von Dir löst, weil widerwillig doch erkennt, dass es Zeit ist frei zu sein.

Du fehlst mir. Die Zeit mit Dir war schön. –
  Und doch versuche ich, im Gegensatz zu sonst, das Ende alles Guten nicht als dessen Tod zu sehen, sondern glücklich zu sein über die wirklich schöne Zeit, die ich mit Dir verbringen durfte.

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Denken heißt Überschreiten

Ich spüre wie der Winter kommt, ich nach und nach mit der ehemaligen Hauptstadt verwachse, die erhaben und träge am Rhein liegt, wie damals Marlene Dietrich, in ihrem Pariser Appartement: aufgequollen und zerfallen, sediert von starkem Schnaps  – ein letztes stures Festbeißen an einem verblichenen Mythos.
  Der Nachtbus rollt, so übermüdet als wäre er Sisyphos selbst, in Richtung Rheinaue, in der ich, in gar nicht allzu lang vergang'nen Jugendtagen, Wochenende für Wochenende, mit Freunden auf Parkbänken sitzend in verschmierten Sonnenaufgängen versank, die das Siebengebirge und den Post-Tower so seltsam golden leuchten ließen, wie eingewickelt in Roche-Papier – am klaren Nachthimmel ein gierig gelber Vollmond, dem grellen Lichtkegel eines riesigen Scheinwerfers gleich, der mittlerweile komplett kahle Baumalleen in ölig-weiches Licht eintaucht.
  Und ich fühl' mich dieser Stadt und ihrer Historizität so merkwürdig verbunden – hin- und hergerissen, wie einst Ost- und Westberlin – doch bisher ohne Mauerfall, ohne innere Synthese. Und das Alleinsein in der Wohnung, das Alleinsein in der Stadt, erschließt mir eine seltsam allgemeine Einsamkeit, die ja letztlich doch in jedem tobt, sich niemals ganz totschlagen lässt.
  Und der Wandel der Dinge lässt mich ratlos zurück: hegel'sche Vernunft in der Geschichte? – ein müder, alter Witz: im alten Diplomatenviertel werden Kinder totgetreten, direkt neben den dunkelgrünen Gräsern des Kurparks, die währenddessen im schneidend kalten Wind durch die Gegend oszillieren, wie bipolare Janusköpfe.
  Und wird mir das ewig gleiche Weiß der Wände mal unerwartet doch zu viel, fahr' ich tatsächlich auf den Weihnachtsmarkt – und hier, zwischen Gruppen junger Menschen, die ihr Leben im Griff zu haben glauben; achtzehnfach geklonten blond-blonden Prinzessinnen; japanischen Touristen und Jack & Jones Spacko-Jacken tragenden BWL-Affen, kann ich seltsam einfach untertauchen; rumglühweintrinkend in die Meute starren und mich dabei verwundert fragen:
  Meint ihr das alles wirklich ernst?

Mittwoch, 23. November 2016

Jemand musste Atlas V. verleumdet haben

Mein in-die-Kleinstadt-geworfen-Sein hallt bis heute in mir nach –
die langen Winterwaldspaziergänge, irgendwann als Kind:
Seen zugefror'n von Eis – 
dieselben Seen, zehn Jahre später, mit Freunden auf Parkbänken sitzend,
nach Nächten ohne Schlaf – 
Rehe, scheu auf Wiesen steh'nd, Sommer ohne Endzeitpunkt,
alles voller roter Beeren.
Und die besten waren immer die, im Garten der Großeltern,
am zugewachs'nen Gartenteich, versteckt von dichtem Grün.
Kindheit verbracht vor dem Fernseher, verwachsen mit dem Bastkorbstuhl –
heute noch den Geschmack von Jahren angebranntem ALDI-Dosenfraß im Mund;
das Bild der endlos langen weißen Wand, nutzlos auf die Netzhaut eingebrannt.
Hab mich schon immer seltsam fremd – seltsam isoliert gefühlt,
bloß mein Großvater, der gute, hat mich irgendwie an diese Welt gebunden,
in ihm – neben meinen beiden Brüdern – den ersten
und letzten mir nicht fremden Menschen in diesem endlos langen Traum gefunden.
Erstes Zerbrechen an der Unerträglichkeit der Kleinstadtlangeweile, die
später beinahe zur Psychose wuchs, bis
zum letzten Atemzug wohl wütend in mir wuchern wird.
Von frühsten Kindheitstagen an anwachsender Hass auf den fetten,
verachtungswürdigen, selbstgefälligen Abschaum, der oben auf dem Hügel wohnt:
Mutter nicht da, ich allein, sollte bei irgendei'm dieser Bonzen pennen und
kriegte bloß gesagt:
,,Wir füttern dich nicht durch, guck halt wo du bleibst.''

Mit dreizehn Jahren Schule schwänzen; Eimer rauchen hinterm Schützenhaus –
ewig langes Lungenbrennen, ewig lange Traumsequenz.
Hat mir schon damals kein' Spaß gemacht, hab keine Ahnung was das sollte.
Bin seitdem ich denken kann, schlafwandelnd Richtung Hades;
handle, wenn ich handle, übereilt; mache meistens Dinge dumm.
Irgendwann dann erste Jugendliebe –
seitdem krankhaft besessen von langen schwarzen Haaren und
traurig-schwarzgeschminktem Blick.
Die paar Monate mit Dir –
dann irgendwann die erste Trennung
und irgendwas bricht aus mir raus, irgendwas, was dort schon lange lag –
und trotzdem sehen wir uns heut' zum Eis Essen oder Reden –
und ich sag Dir viel zu selten, weil ich sowas nicht gut kann,
wie gern ich Dich tatsächlich hab, wie dankbar dafür bin, dass
Du mir, durch die Vertrautheit, die Du mich dir geben lässt, 
einen Stein der Größe der Weltkugel von meinen schwachen Schultern nimmst –
also hier, an dieser Stelle, nochmals, danke für alles – ich bin froh, dass es Dich gibt.

Und nach der ersten großen Liebe, brach der kränkste Mensch der Welt auf mich herein –
bis heute diesen riesen Schaden in meinem ohnehin verdrehten Kopf.
Bloß ein Mal bei mir gepennt, mich damals schon belogen – 
warst in Wahrheit doch noch Jungfrau.
Ich damals vierzehn, Du noch dreizehn – wie krank, wie falsch – 
von heute aus betrachtet.
Weiß noch genau, die gottverdammte Sportumkleide, mein bester Freund steht neben mir,
neunte Klasse, kurz vor Mittagspause, deine SMS:
,,Ich bin schwanger, du bist schuld.'' –
Und Du kannst dich wirklich freuen, hast am Ende doch gewonnen –
mir fehlt ein riesen Stück des Lebens, fehlt ein riesiges Stück Glück.
Erinnerungen dräng'n sich auf: die Nacht oben in Alfter, bei meinem Bruder,
damals, als seine Mutter, meine Tante, noch lebte;
wie du mir schriebst, du hättest Schmerzen, von den Tabletten vom Arzt,
die unser Kind totmachen sollten –
Du kranker, kranker, böser Mensch.
Seitdem gärt da diese seltsam unbestimmte Wut in mir,
irgendwie die Schuld von mir zu weisen, irgendwie eine Art Sühne abzuleisten.
Und doch war auch all das vorher schon in mir, brach bloß durch Dich erneut heraus –
sogar Du, als mein Genickbruch, bloß Teil des dummen Spiels
Γνῶθι σεαυτόν.
Von da an nach und nach im dichter werdenden Nebel verschwunden –
wollte nicht mehr dieses ich-sein-Müssen, ging rapide dann bergab –
wo kommen diese Stimme her? Wie zur Hölle soll ich fünfzehn werden?
Aus blankem Hass auf diese Welt, aus blankem Hass auch auf mich selbst,
begann ein endlos langer weißer Winter, der bis heute wohl anhält –
find what you love and let it kill you, sagt der perverse alte Sack.

,,Ich fahr' schon nicht nach Duisburg, treff' bloß meine Freundin, mach dir keine Sorgen.''
Abends dann der Anruf aus dem Krankenhaus –
war nie was, außer Sorgenkind, alle paar Jahre beinahe tot.
Mit gerade fünfzehn inmitten dieser Massenpanik, werd' den Moment niemals vergessen –
das erbärmliche Schreien, die Enge, das an-den-Schultern-eingequetscht-Sein –
der Augenblick, in dem die Menschendecke sich schloss und
tausend Füße neben meinem Kopf rumtraten, ich,
als es immer dunkler wurde dachte: tja, das war's dann wohl mit dir (A).
Fühlte sich so seltsam ruhig an.
Irgendwann dann wieder wach geworden, in diesem riesen Berg aus Menschenfleisch –
mein linkes Bein beinahe tot, komplett taub und seltsam weiß,
keine Ahnung, wie lang eingequetscht,
zwischen Sterbenden und Schreienden und beidem, bis dann eben nicht mehr Seienden.
Wer weiß, was zur Hölle das aus einem macht: Mit fünfzehn Menschen sterben seh'n.

Mit nicht mal sechzehn den Schulranzen voll von buntem Gift –
schon damals in der guten alten Schwarzgoldenen, die heute noch am Haken hängt,
den Großvater für Geld belogen, dann in der Wohnung dieses Typens –
der Koffer bis zum Rand gefüllt, leuchtet gierig grell in Gold:
zum ersten Mal im Leben Macht gespürt – achtlos in den Schlund gesprungen,
stumm schreiend um mich schlagend hoffnungslos im Rausch versunken.
Since we're feeling so anaesthetised in our comfort zone –
reminds me of the second time that I followed you home:
Aus Versehen zum zweiten Mal mit der vermeintlichen Mutter meines
angeblich beinahe geborenen Kindes zusammengekommen.
Und Du hast allen Ernstes, als meine damalige Freundin, mehr als genug bei mir gekauft – 
alles auf einmal geschluckt, in der klaren Absicht, Dich selbst wegzumachen,
bloß um mir eins auszuwischen –
Dich von zehn Typen ficken lassen, 
bloß um mir ein bisschen wehzutun –
am Ende sogar meinem Bruder, nachdem dessen Mutter starb.
Als morgens dann der Anruf kam, dass meine Tante tot ist – beinahe in dein verhurtes Bett gekotzt –
hätt' ich gewusst, dass ihr Sohn am selben Abend noch, in die gleichen Laken spritzt –
ich weiß nicht, was gewesen wäre – zu grotesk, es bloß zu denken.
Kann dem Kleinen heute keinen Vorwurf mehr deswegen machen, lieb' ihn dafür viel zu sehr.
Und ich hab trotz allem Schwierigkeiten zu verstehen, wie übel die Dinge wirklich waren –
mit sechzehn alles voll von Chemie, Sperma, Blut und Tod.

Irgendwann dann meine Jugendliebe wiedergefunden –
nach drei Jahren erstmals das, was ich wirklich wirklich wollte –
doch die Narben saßen schon zu tief, statt bei Dir lieber in Köln gehangen –
ich dummes, dummes, krankes Kind.
Versucht in Holland zu entziehen, erster Urlaub mit ,,Freunden'' –
gegen meinen Willen, gegen meinen Rat, mit Spiritus gegrillt –
plötzlich lichterloh in Flammen stehend, panisch über den Platz gerannt –
in meinem Kopf nichts außer: tja, das war's dann wohl mit dir (B).
Und schon wieder – im Innern alles seltsam ruhig. 
Seitdem zehn Prozent der bleichen Haut verbrannt.
Nach den zwei Wochen Krankenhaus, wie ein Berserker geballert, trotz offen klaffenden Wunden –
rotes, blutig geschundenes Fleisch entzündet sich hässlich, verfärbt sich dunkelbunt;
bis zum drei Millimeter kurzen, verkokelten Haaransatz, in wuchernden Traumata,
haltlos fallenden Trümmern, versunken.
Heute hässlich fleckige Narben, an den einst (im doppelten Sinne, ha) entzündeten Stellen.
Dich am Ende dann doch wieder an meinen wütend tobenden Wahnsinn verloren, 
der doch damals erst durch Dich zum Vorschein kam.

Danach dann irgendwann, irgendwie doch noch achtzehn Jahre alt geworden,
komplett geblendet vom grellen Licht des Ganz-ganz-wach-Seins –
nichts als Schwärze, Bass und Strobolicht – zwei Jahre lang im Kellerclub.
Mein Großvater wird geisteskrank,
stirbt dann plötzlich weg –
seitdem fühle ich nicht mehr.
Außer mir war keiner da –
ein letzter lächerlicher Anruf, eine kleine kurze Nachricht –
und ich bin trotzdem nicht zu Dir gefahren, hatte zu viel Angst vor deiner Krankheit,
zu viel Angst vor deinem Wahn,
war zu schwach Dir, als mich mittlerweile hassendem,
vorher einzig für mich daseiendem Menschen, etwas entgegenzusetzen –
lagst dann drei Tage lang halbtot im Flur –
danach Notaufnahme –
danach Grab.
Und alles geht einfach weiter –
weiter, immer weiter
zieht ungebremst an mir vorbei.

Meine zweite große Liebe gefunden,
bloß um sie dann doch nur
wieder zu verlieren.

Jetzt, ohne Dich, so hilf- wie hoffnungslos auf mich –
die vorherigen 150 Zeilen zurückgeworfen;
und ich kann nicht damit umgehen –
ich kann nicht und ich will es nicht,
will, wenn ich etwas will, dann dich –
dich dich dich.

Wie sonst geht die Geschichte weiter?

Schreiben nachholen III

Und da gärt dieser riesen Text in mir, der mir unfassbare Angst einjagt;
die Sprache ist noch nicht soweit, brütet angespannt im dunkeln;
derweil, ich mich auf dem Boden windend, wie ein angeschoss'nes Tier.

Samstag, 19. November 2016

Schreiben nachholen II

Mehr Traumata als Freunde, der ganze Dreck im Kopf kocht hoch, spritzt sprudelnd aus dem Mund –
alles voll von Blut und Kotze; die letzte Faser meines roten Fadens –
meinen Brüdern gegenüber Haltung wahren, irgendwie ein gutes Vorbild sein.

Freitag, 18. November 2016

Schreiben nachholen I

Entzug vom Strobolicht, Entzug von Dir,
bloß noch am fressen oder wichsen –
bald ein perverser fetter Sack, wie Charles Bukowski.
Und ich fühl' da nichts mehr, außer Leere;
denke, wie schreibe, schreibe, wie ich rede –
werde, nach und nach, zu sehr ich-selbst,
die Manie verdreht den Kopf –
halte mich für Jesus, halte mich für Gott;
und wären da nicht diese wunderschönen Mädchen,
mit den endlos langen, schwarzen Haaren;
schwarz geschminkten, großen Augen,
die traurig durch die Wolken schauen;
umgeben von kastanienbrauner Aura,
zwischen all dem Herbstlaub und dem Regen –
ich wüsste nicht, wofür ich lebe.

Sonntag, 6. November 2016

Jenga II

Das Einzige, was Matthew Ellis noch mehr hasst als sein Leben, ist der Bürojob, der seit nunmehr 15 Jahren den größten Teil von diesem einnimmt.
  6 Uhr morgens, der Wecker klingelt. Aufstehen, zittrig anziehen, Kokain zum Frühstück. Hektisch aus dem Haus stolpern, hektisch in die überfüllte U-Bahn quetschen. 30 Minuten stillstehen, 30 Minuten Todesangst. Das ewig gleiche mechanische Quietschen der elektronischen Schiebetür, das ewig gleiche falsche Lächeln in Richtung der zwei zwangsblondierten Zwillinge am Schalter, beim Betreten des Bürokomplex. Kurze Erinnerung an den Vorfall auf der Firmenfeier vor vier Jahren – leichte Erektion.
  Und alles wiederholt sich, läuft auf ewig in gleichen Bahnen.
  2001 Schritte bis zum Aufzug, 9. Knopf von links, 11. Reihe von oben. Nur um dann, trotz relativ hoher Position, eingepfercht in seiner bürokratischen Legebatterie, eingezäunt von drei, zwei Meter hohen Pappaufstellwänden, von frühmorgens, bis spät abends, hunderte von tausenden von Jahressteuerbescheid-Excel-Listen auf Ungereimtheiten zu überprüfen.
  Der Aufzug rast nach oben.

  Atlas Gogol, restlos zerfressen von ungebremster Flugangst, wendet sich genauso blutleer wie zittrig in Richtung seiner Klatschzeitschrift lesenden Erzeugerin, die ihm, verdeckt von zwei kilometerweiten Sonnenbrillengläsern, zum zehnten oder elften Mal auf diesem Flug, mit einer Engelsgeduld, wie sie ausschließlich leicht angetrunkenen Müttern, gegenüber ihren stark verdrehten Kindern vorbehalten ist, mahnend rezitiert, wie sicher das Fliegen doch sei, und dass ja, wenn überhaupt, nur auf jedem 500.000 Flug etwas passierte – sodass er gerade anfängt, ihr ihren Quatsch zu glauben, als der Mann, auf dem Sitzplatz neben ihm, der bisher tief und fest zu schlafen schien, sich plötzlich schreiend zu ihm umdreht.

  Matthew sieht einen Schatten auf seiner Schulter und blickt widerwillig auf – Thomas Palahniuk, ein so widerwärtiger Mensch, dass man ihm am liebsten auf die geschmacklos gepunktete Krawatte kotzen würde. Seine abstoßend trockenen Lippen schieben sich unaufhaltsam zu einem grotesken Lächeln auseinander, entblößen dunkelgelbe Zähne, einer schiefer als der and're. Schweißtropfen kleben auf der Stirn, der fette Bauch ragt, wie ohne Willen, sinnlos in den Raum hinein: ,,Na mein Freund, wie ist die Lage?'' Matthew merkt, dass ihm bedingt durch Thomas Thunfischmundgeruch tatsächlich schlecht wird.
  ,,Tom, was soll ich sagen? Ich denk', ich kann nicht klagen.'' –
  ,,Fein, fein mein Freund!' 
  Stunden sickern zäh dahin.
  Und Thomas, jenseits jeglicher Konvention auch nur ansatzweise rationalen Handelns, macht keine Anstalten, sich auch nur einen Meter zu bewegen; bleibt einfach stumpf stehen, wippt sinnlos hin und her.

  Harry Chinaski schiebt seinen bis oben hin mit buntem Pfand gefüllten Einkaufswagen ächzend vor sich her. Heute wohl wieder kein Glück gehabt. Keinen Platz zum Pennen gefunden, nichts von der Familie gehört. Fuck, wie lang ist der ganze Stress mit der Trennung und dem Haus jetzt her? Schon viel zu lange auf der Straße. Der Älteste müsste mittlerweile aufs College gehen, Physik oder so.
  Der Herbst klopft drohend an die Tür, starrt wie ein Hurensohn zum Fenster rein.
  Die Straßen werden langsam kalt, der Schnaps hält auch nicht wirklich warm. Harry nimmt trotzdem einen großen Schluck – und irgendwie ergreift ihn eine seltsam leichte Heiterkeit, sodass er unwillkürlich in die Hände klatscht, während sich sein krummer Körper durch eine der wenigen Grünanlagen der Stadt schiebt, die heute in so lächerlich leuchtendem Rot und Gelb und Braun erstrahlt, dass das eigene Scheitern – erbärmlichstes, dreckigstes, menschliches Scheitern – seltsam fremd, seltsam fern erscheint.

  Matthew reckt – dies auf Grund des lächerlichen Anblicks unmittelbar bereuend – umständlich den Kopf, und versucht über die Trillionen von Reihen aus Büroarbeitern und Pappaufstellwänden hinweg, einen Blick aus der endlos breiten Fensterfront zu erhaschen – kriegt nicht viel zu sehen, außer flackernden Bildschirmen und stur auf ihre Tastaturen einhämmernden Arbeitsrobotern.
  ,,Schön, schön!'' sagt Thomas, immer noch dumm grinsend, weiter sinnlos wippend. Und Matthew, mittlerweile getrieben von blinder Verzweiflung, lässt panisch seinen Blick schweifen – bleibt auf der Suche nach irgendeinem Ausweg am Wandkalender kleben.
  Und wie er noch so denkt: Bloß 104 Tage bis Weihnachten, dann kannst du dich immerhin auf der Firmenfeier mit den zwei Zwillingen zu Tode saufen – zerreißt ein ohrenbetäubender Knall den Augenblick in seine Einzelteile und Matthew Ellis segelt, selig lächelnd, aus dem 66. Stock des World Trade Centers, neben Flugzeugsitzen und Leichenteilen dem New Yorker Bürgersteig entgegen.
  Und das Letzte, was er sieht, bevor er auf dem krummen Körper eines seltsam gut gelaunten Obdachlosen aufschlägt, ist, wie das schlingernde Rotorblatt, eines fallenden Propellers, in Zeitlupe von hinten angeflogen kommt und Thomas Palahniuks zögerlich-verwirrtes Lächeln in zwei blutverspritzende Hälften teilt –
  Na also, geht doch!