Donnerstag, 6. Juli 2017

Trying to remember - trying to forget II

Jetzt sitz' ich musterschülerhaft, gelangweilt und stocknüchtern in dieser riesen Altbauwohnung, an deren Wänden schöne Bilder hängen, und fühl' mich irgendwie erwachsen; bin aus dem endlos langen Jugendalbtraum wohl, wie es scheint, vorerst halbwegs heil herausgewachsen.
  Trotzdem kreist das Denken noch manchmal um die Ex, manchmal um das Pep – beides mir mittlerweile gleichermaßen fremd – wie aus einer andern, wirren Welt – wie nicht von mir erlebt.
  Und wenn die Sommersonne hoch am Himmel steht, ich nichts böses ahnend so mein Leben lebe, blitzt beizeiten unwillkürlich auf, dass das alles doch einst Ich gewesen bin: Kollabierend unter Brücken hängend, sich selbst im Spiegel nicht erkennend, alles voll von Blut.
  Heute kann ich ehrlich lachen, sodass die Falten im Gesicht sich freundlich kräuseln – ganz einfach weil ich weiß, das alles musste halt so sein, hatte alles seine Richtigkeit; macht letztlich meine Freiheit, und ja, auch meinen Frieden aus.
  Auch wenn viel zu viele Jungs von früher mit den Jahren was auch immer wurden – hoffnungslose Kinder uns'res kleinen Heimatdorfs, wo man mit vierzehn Jahren schon am absoluten Nichts zerbricht; sich irgendwie Sinn suchend in der Großstadtnacht verliert; oder schwarzäugig auf der immergleichen Parkbank sitzend, durch die dicken Sonnenbrillengläser in Richtung Sonnenaufgang starrt, während der pubertäre Sound aus Deutschrap über Handyboxen und laut zischendem Billigdosenbier kurz – viel zu kurz – auf jede Frage eine Antwort weiß.
  Trotz allem bin ich dankbar für die Zeit: nichts war mir je und wird mir je so wichtig sein. Auch wenn wir, wenn wir uns morgens in der Disco seh'n, uns beinah' auf die Fresse hau'n – ganz einfach weil diese Art zu leben ganz selten nur ein gutes Ende nimmt.
   Und während die Stadt vor dem Fenster in der Dunkelheit wie eingefroren scheint, kritzel ich eilig ein paar Zeilen aufs Papier – versuche mich, so gut es geht, an alles zu erinnern; will nichts von alledem vergessen – will, so gut es geht, das Sein an sich zu schätzen wissen.

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